Aus der Geschichte des Vereins
Das 90-jährige Jubiläum gibt uns Veranlassung, einen Blick auf die Entwicklung des Vereins zu werfen.
Unser Turnvater Jahn selbst hat bereits im Jahre 1848 den Verein gegründet, der sich aber infolge der damaligen politischen Verhältnisse wieder auflösen musste. Nachdem aber im Jahre 1861, auf der Turntagung in Coburg, die Deutsche Turnerschaft als Organisation gegründet war, fand sich eine Schar von begeisterten Männern, geführt von Adolf Braden, die nunmehr den jetzigen Turnverein ins Leben rief.
Seit jenen Tagen waren es immer wieder Idealisten, die in jahrelanger Tätigkeit sich der Turnerei zur Verfügung stellten.
Groß waren die Schwierigkeiten, denn es gab nicht die zweckmäßigen Übungsmöglichkeiten und Einrichtungen, wie sie uns heute zur Verfügung stehen. Kritisch waren die Kriegsjahre von 1866 und 1870/71. Nur dem tatkräftigen Handeln des damaligen Vorsitzenden Heinrich Wendel ist es zuzuschreiben, dass der Verein weiter bestehen konnte. Den nachmaligen Vorsitzenden Peter Paul Krämer, Heinrich Braden und Simon Grünewald gelang es, den Verein nicht nur zu erhalten, sondern auch zu einer beachtlichen Blüte zu führen.
In einer denkwürdigen Vorstandssitzung vom 6. Jan. 1887 wurde von dem Turner Heinrich Braden der Antrag eingebracht und vom Vorstand zum Beschluss erhoben, einen Bauplatz käuflich zu erwerben. Im Jahre 1890 entschied sich die General- versammlung, auf dem erworbenen Gelände eine Turnhalle zu errichten. In beispielhafter Opferbereitschaft stellten sich 15 Turner zur Verfügung, die für dieses große Bauvorhaben die Bürgschaft übernahmen. So konnte der Bau sofort in Angriff genommen und die Halle bereits an der Kirchweihe des Jahres 1891 eingeweiht werden.
Der Besitz einer eigenen Turnhalle ermöglichte es nun, das turnerische Leben weiter zu entfalten. Bei allen turnerischen Wettbewerben dieser und der nachfolgenden Zeit waren die Büdesheimer Turner immer erfolgreich vertreten. Das 50-jährige Stiftungsfest wurde im Jahre 1911, verbunden mit einem Bezirksfest, gefeiert. Bei dieser Gelegenheit konnten die Turner Franz Mayer, Johann Jung und Josef Kunz als Gründer geehrt werden. In diesen 50 Jahren hatte der Turnverein nur 5 Vorsitzende: Adolf Braden, Heinrich Wendel, Peter Paul Krämer, Heinrich Braden und Simon Grünewald, welch letztere im Jahre 1925 nach 26-jähriger Tätigkeit als Vorsitzender verstarb. Während seiner Tätigkeit erlebte der Verein seine große Blüte, bis der Krieg 1914-18 ausbrach und große Lücken in die Reihen der Turner riß. Während dieser Zeit ruhte der Turnbetrieb. Die Halle war beschlagnahmt und diente der späteren Besatzung als Quartier. Fünf verlorene Jahren waren aufzuholen, als im Sommer 1919, unter der sehr tatkräftigen Leitung des Turners Heinrich Honrath, der Turnbetrieb wieder aufgenommen werden konnte. Seine Tatkraft brachte es zustande, dass mit allseitiger Unterstützung in Kürze die Turnerei wieder zu beachtlicher Größe gelangte. Im Jahre 1920 wurde eine Damenriege gegründet, die sich nach anfänglich schweren Kämpfen durchsetzte. Das 60-jährige Bestehen wurde im Jahre 1921 auf dem damals gepachteten Sportacker an der Rochusstraße begangen.
Die nachfolgenden Kriegsjahre brachten dem Verein erhebliche finanzielle Schwierigkeiten. Trotzdem lebte der Turnbetrieb wieder auf. 1924 wurde eine Handballabteilung sowie eine Wandergruppe gegründet. Als Sportplatz wurde der seinerzeitige Exerzierplatz an der Büdesheimer Straße von der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellt.
Im Jahre 1925 übernahm der Turner Gustav Braden die Führung des Vereins. Unter seiner Leitung wurde die Planung für die Erweiterung und Vergrößerung der Turnhalle begonnen. Nach seinem leider allzu frühen Tode, übernahm der Turner Georg Lemmer die Führung des Vereins. Noch im gleichen Jahre wurde unter beispielhafter Beteiligung der gesamten Bürgerschaft der Erweiterungsbau durchgeführt.
Ein Höhepunkt in der Geschichte des Vereins war zweifellos das 70-jährige Stiftungsfest, verbunden mit dem 40. Gauturnfest des unteren Nahegaues (Rhein-Nahe). Der Verein zählte zu dieser Zeit 320 Mitglieder, davon war eine große Anzahl aktiv in den verschiedenen Abteilungen tätig. Die stetige Aufwärtsentwicklung nach diesem glänzend verlaufenen Fest wurde durch die politischen Ereignisse unterbrochen. Im Zuge der Gleichschaltung erlebte das innere Gefüge des Vereinslebens eine Veränderung. Nach dem Tode des Ehrenvorsitzenden Georg Lemmer und der kurzen Zeit der Vereinsführung durch den seinerzeit hier tätigen Lehrer Dr. Bullmann, übernahm den verwaisten Posten des Vereinsführers der Turner August Wirth. Seiner außerordentlich großen Erfahrung im Turnbetrieb war es zu verdanken, dass dem Verein neues Leben und neuer Schwung gegeben wurde. Am 29. Mai übernahm der Turner Matthias Körner die Leitung des Vereins, die er bis Ende 1940 beibehielt. Ab Februar 1940 war Herrmann Hammes Vereinsführer bis zur Neugründung.
Nach Kriegsende war es das weibliche Geschlecht, das die Initiative ergriff. Mit einer großen Schar trat Lena Eckert schon im Mai 1946 in einem begeistert aufgenommenen bunten Abend an die Öffentlichkeit. Bald hatte sich der Stamm des Vereins wieder zusammengefunden. Am 15. Juli 1946 wurde dann unter großer Beteiligung eine Gründungs- und Generalversammlung abgehalten, auf welcher der heute noch an der Spitze des Vereins stehende J.B. Kern zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde. Der damals schon gewählte Name „Turn- und Sportverein“ wurde verboten. Als Ersatz wurde Verein „Sportvereinigung” genannt. In der Generalversammlung vom März 1949 wurde der heutige Name wieder angenommen. Wenige Monate nach der Gründung zählte der Verein 400 Mitglieder. Eine regsame Handballabteilung und Wanderabteilung wurde gegründet. Die Schwerathleten legten bereits zu jener Zeit im Rahmen des Vereins das Fundament zur „Rheinlandseiche“. Schwere Stürme rissen an den Grundmauern des Vereins, als nach der Auflösung der Binger Fußballvereinigung deren Mitglieder unserem Verein beitraten und als selbstständige Abteilung bis zu ihrer Wiedergründung verblieben. Unvergesslich bleibt die Generalversammlung im März 1948, bei der ca. 700 Mitglieder anwesend waren. Sie war Beweis dafür, wie stark der alte Turnverein in unserer Gemeinde verwurzelt ist. Mit Nachdruck wurde die bisherige Arbeit des Vorstandes unterstrichen und imponierend bestätigt. Die Protokolle der Vorstandssitzungen vor und nach dieser bedeutsamen Versammlung atmen den Geist echter sportlicher Gesinnung, der sich wohltuend von jenem abhebt, der sich freudlose Zwietracht zum Ziel gesetzt hatte. Unbeirrt wurde von der Vereinsführung der Weg der sportlichen Kameradschaft weiter begangen und das Versprechen gehalten, das den Verantwortlichen der Binger Fußballvereinigung unmittelbar nach deren Auflösung gegeben wurde; Erhaltung des Bestandes der aktiven Fußballer und rückhaltlose Unterstützung, um diesem Verein wieder zur baldmöglichsten Selbstständigkeit zu verhelfen.
Die Währungsreform brachte dem Verein einige finanzielle Schwierigkeiten, die aber bald überwunden waren. Die von einem Artellerievolltreffer schwer beschädigte Turnhalle wurde instand gesetzt, renoviert mit Möbeln ausgestattet, eine Moderne Warmluftheizung eingebaut und neue Turngeräte angeschafft. Der Turnbetrieb unter der Leitung bewährter Turner, an der Spitze August Wirth und Hans Godron und bei den Mädels Lena Eckert, erlebte einen neuen Aufschwung. Nach Überwindung großer Widerstände beschloss der Binger Stadtrat, unserem Verein das städtische Gelände an der Bahnhofstraße als Sportgelände zur Verfügung zu stellen. Ein lang ersehnter Wunsch unserer Büdesheimer Jugend, eine Fußballabteilung zu gründen, wurde damit Wirklichkeit. Am 4. September 1949 trug die 1. Fußballmannschaft ihr erstes Wettspiel aus. Sie gewann in Ockenheim gegen die dortige 1. Mannschaft mit 7:1. Unter der Leitung des Altligaspielers Franz Matthes fand sich eine begeisterte Schar zusammen, die bereits im ersten Jahr mit ihrer Mannschaft an der Spitze der Kreisklasse und im Pokalendspiel zu finden war. In vorbildlicher freiwilliger Arbeit der Rasenportler wurde das Gelände an der Bahnhofstraße in einen schönen Sportplatz verwandelt. Das Eröffnungsspiel wurde von der 1. Handballmannschaft am 23.10.1949 gegeben, die gegen den Meister der Kreisklasse II Zotzenheim 7:2 gewann. So war neben den Stammabteilungen der Turnerinnen und Turner eine neue starke Rasensportabteilung entstanden. Es soll aber in dieser Chronik ausdrücklich festgestellt werden, dass seit der Neugründung die Gymnastikgruppe unserer Lena Eckert, die Aufwärtsentwicklung unseres Vereins entscheidend beeinflusst hat.
Ein Ereignis aber verdient noch besonders festgehalten zu werden: die außerordentliche Generalversammlung vom 11. Februar 1951, verbunden mit einer von etwa 600 Teilnehmern besuchten Bürgerversammlung. Sie beschloss, das 90-jährige Stiftungsfest zu einem Fest der gesamten Gemeinde zu erheben. Darüber hinaus wurde sie zu einer begeisterten Sympatiekundgebung für die Errichtung eines Freischwimmbades in Büdesheim. Es wurde dort der bedeutsame einstimmige Beschluß gefasst, die Fertigfinanzierung, falls die Stadt Bingen sich nicht beteiligt, mit dem Verein und der ganzen Gemeinde durchzuführen und nach Fertigstellung der Allgemeinheit und allen Vereinen des Kreises Bingen zur Verfügung zu stellen. Die Initiative liegt nunmehr bei einer anderen Gemeinschaft, die diese große Aufgabe übernommen hat und sicherlich auch meistern wird.
So begeht nun der Turn- und Sportverein 1861 in einer schweren Zeit sein 90-jähriges Jubelfest. Einig, stark und mutig, beseelt von den Idealen des Turnvaters Jahn, hat die Vereinsführung ihre Kraft ausgerichtet auf ein hohes Ziel: Erziehung unserer Jugend zu freiwilliger Unterordnung zu gesunden, frohen Menschen und guten Staatsbürgern. Unsere „Alten“ aber gilt es „ihren“ Verein zu erhalten als einen nimmerversiegenden Born des Friedens und der Gemeinsamkeit, eine stete Erinnerung an glückliche Jugendzeit. Der Gemeinde aber ist der Turnverein die Stätte, an der alle Unterschiede der Parteien und der Konfessionen, des Standes und des Besitztums dem obersten Gesetz der Gemeinschaft und der sportlichen Kameradschaft weichen müssen.
| 1. Vorsitzender | J.B. Kern |
| 2. Vorsitzender | Aloys Mattes |
| 1. Schriftführer | Karl Schlamp |
| 2. Schriftführer | Hans Frey |
| Kassiererin | Lena Eckert |
| Oberturnwart | August Wirth |
| Turnwart | Emil Geiß |
| Frauen-Turnwartin | Lena Eckert |
| Kinder-Turnwartin | Ursula Stevens |
| Kinder-Turnwartin | Trudel Mallmann |
| Fachwart für Leichtathletik | Gottlieb Mayer |
| Leiter der Fussballabteilung | Franz Matthes & Franz Fickinger |
| Leiter des Wintersportclubs | Viktor Thomke |
| Pressewart & überfachlicher Jugendwart | Eugen Klein |
| Leiter des Spielmannszuges | Karl Dippel |
| Turnhallenverwalter | Matthias Körner |
Minni Ohemann – Hilde Staab – Heinrich Honrath – Heinrich Heckmann
Heinrich Frey – Karl Riffel – Bernhard Schüler
Aus der Festschrift und Festprogramm zum 90-jährigem Jubiläum des Turn- und Sportvereins 1861 e. V. Bingen-Büdesheim
Verbunden mit dem Kreis-Turnfest des Turn-Kreises Bingen
Vom 30. Juni bis 2. Juli 1951